CSM+Crystal Kurse mit Alistair Cockburn

Wie ich bereits vor vier Wochen angekündigt hatte, biete ich gemeinsam mit dem Scrum-Center und andrena objects zwei dreitägige CSM-Kurse inklusive Einführung in Crystal mit Alistair Cockburn an. Die Kurse finden statt am:

Die Kursgebühr beträgt € 1800,00 zzgl. MWSt. Wer jemals einen Workshop mit Alistair erlebt hat, weiß dass sich die Investition lohnt.

Die Kurse finden in Englisch statt, Rückfragen können aber auch auf Deutsch gestellt werden.

Darüber hinaus gibt es auch noch die Möglichkeit von Inhouse-Workshops mit Alistair Cockburn und mir oder Alistair Cockburn alleine. Anfragen können Sie per E-Mail an mich senden.


Kursbeschreibung von Alistair

Alistair Cockburn
Certified Scrum Master and Introduction into the Crystal method family

This workshop is based on the award-winning book Agile Software Development: The Cooperative Game, on Crystal Clear: A Human-Powered Methodology for Small Teams, and on Agile Project Management with Scrum. The first part of the course gives the attendee a gut feeling for the is and isn’t of agile development; the second sets out Scrum and the role of the ScrumMaster; the third introduces Crystal with it’s 7 Properties of Highly Successful Projects.

Each part introduces its concepts with small lecture, followed by team activities to anchor them. The activities are constructed to give attendees a sense for how it feels to be doing some of the key practices as well as what how it feels not to do them. The techniques reviewed are valuable in carrying out any kind of project, not only agile ones.

  • Basic Agile
    • How to understand agile development in the larger context of real-world software development.
    • Cooperation, communication, incremental development and reflection as critical factors in project success.
  • Scrum
    • The heart of Scrum: collaborate & deliver; inspect & adapt.
    • The ScrumMaster role (including becoming a Certified ScrumMaster)
  • Crystal
    • How Crystal’s reflection adds to generic agile and generic Scrum.
    • Applying the 7 properties of highly successful projects

Course Goal for Attendees

  • Understand what is agile and what isn’t agile development
  • Have a gut feeling for teamwork, communication, frequent customer interaction and frequent delivery
  • Understand Scrum, the role of the ScrumMaster, and the Crystal methodology family as techniques in setting up and running projects
  • Have a few techniques to take home and use immediately
  • Walk away with a „Certified ScrumMaster“ certificate

Instructor

Dr. Alistair Cockburn, author of the Jolt-award winning books, Agile Software Development: The Cooperative Game and Writing Effective Use Cases , coauthor of the Agile Manifesto and Project Management Declaration of Interdependence, and Certified Scrum Trainer.

Level: Beginner and Intermediate

Who Should Attend: Participants keep saying, „I wish my boss had come to this!“, so it is a good idea if people from every level and role attend.

Alistair Cockburn gibt CSM-Kurs in Deutschland im November

In Zusammenarbeit mit dem Scrum-Center und andrena objects ist es uns möglich, voraussichtlich zwei dreitägige CSM-Kurse mit Alistair Cockburn in der zweiten Hälfte November anbieten zu können. In Planung ist derzeit ein Kurs in München und einer in Frankfurt. Bei mindestens einem davon werde ich assistieren.

Zudem gibt es ein kleines Zeitkontingent für Inhouse-Workshops entweder mit Alistair alleine oder Alistair und mir gemeinsam.

Alistair ist der Schöpfer der Crystal Methodenfamilie und einer der Autoren des agilen Manifests. Ich persönlich habe nicht nur einen großen Teil meines eigenen agilen Handwerks von ihm gelernt, sondern auch seinen interaktiven Stil in Workshops und Schulungen immer sehr genossen. Dies ist eine seltene Gelegenheit für alle, die Agilität von einem ihrer Schöpfer kennen lernen wollen und dabei auch noch ein Zertifikat als „Certified Scrum Master“ erhalten wollen. Die Kurse werden in Englisch stattfinden, Alistair spricht aber gut genug Deutsch, um auch auf deutsch gestellte Fragen beantworten zu können.

Nähere Informationen zu den Schulungen werden wir im Laufe der nächsten Wochen veröffentlichen. Bei Interesse an Inhouse-Workshops wenden Sie sich bitte an mich.

Folien der Karlsruher Entwicklertage online

Zu meinen Vorträge auf den Karlsruher Entwicklertagen stehen nun auch die Folien online zur Verfügung:

Danke an die andrena objects ag für das Bereitstellen der Unterlagen

Der SPIEGEL zum Erfolg von Extreme Programming bei Microsoft

Allen, die agile Entwicklung noch immer für eine Absurdität unprofessioneller Hobbyentwickler und Hippies halten, sei der Artikel „Windows aus der Asche“ aus dem aktuellen SPIEGEL empfohlen, der auch auf SPIEGEL-Online verfügbar ist. Der Beitrag berichtet, wie Microsoft für die Entwicklung von Windows 7 konsequent auf Extreme Programming gesetzt hat („Von nun an, so viel stand fest, sollte der Kunde treiben“ und „in ganzen Abteilungen sitzen die teuren Programmierer nicht mehr allein, sondern paarweise vor den Monitoren“; „Beginne mit dem Machbaren, dann füge Stück für Stück hinzu. Und immer gleich gründlich testen!“) und welche Auswirkungen das hatte: „Plötzlich kommen der Reihe nach Produkte heraus, die den fast ungeteilten Beifall der Fachwelt finden“, und Brad Silverberg, Entwicklungsleiter von Windows 95, stellt fest: „Zum ersten Mal seit langer Zeit sind die Leute wirklich entzückt von neuen Microsoft-Produkten.“ Auch Qualität und Terminplanung wurden beeinflusst: „Windows 7 […] ist nun nach kaum zwei Jahren fast fertig. Und der Start wurde schon zweimal vorverlegt, zuletzt auf den 22. Oktober.“

Ich denke, damit dürfte die Brauchbarkeit agiler Verfahren auch für große und schwierige Projekte endgültig empirisch gezeigt sein. Anders formuliert, agile Entwicklung ist jetzt nicht mehr nur Sache der Pioniere, sondern wird nach und nach zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil — ein Vorteil, den vor Microsoft auch schon Google, Amazon und ebay genutzt haben.

Ich hoffe nur, dass die deutsche IT-Industrie hier nicht wieder durch „aktives Zuwarten“ den Zug verpasst und weitere Arbeitsplätze gefährdet, sondern erkennt, dass es höchste Zeit wird, sich umfangreiches Know-How und Praxis angzueignen. Es ist schließlich wesentlich einfacher, die Organisation noch umzustellen, solange man das nach eigenem Zeitplan machen kann, als wenn man von der Konkurrenz vor sich her getrieben wird.

Kundennutzen in Agilen Projekten

Felix Rüssel hat vor einiger Zeit in seinem — übrigens insgesamt sehr lesenswerten — Blog einen älteren Beitrag von mir zum Kundennutzen unter dem Titel „Kundenzufriedenheit vs Kosten“ in die Kritik genommen. Einer von Felix‘ Kernsätze war: „Die agile Sichtweise schlägt […] stark vereinfacht vor, Kundennutzen grundsätzlich zu maximieren. Dies darf jedoch nicht zu Lasten des Gesamtbudgets des Projektes gehen! Dieser Konflikt muss durch den ProductOwner bzw. den Projektleiter erkannt und zusammen mit dem Kunden gelöst werden“, und er beklagt sich: „Die Kundenzufriedenheit spielt […] unbestritten eine zentrale Rolle, wird jedoch gerade in der agilen Welt zu oft als alleiniges Heilmittel angesehen. Es wird oft aus der Sicht des Ingenieurs argumentiert, der Prozesse und Arbeitsergebnisse optimieren möchte.“

Ich teile Felix‘ Auffassung nicht, dass die alleinige Fokussierung auf die Kundenzufriedenheit nur aus einer technokratischen Sicht kommt. Ich denke, sie hat auch handfeste betriebswirtschaftliche Gründe, zumindest wenn der Kontext stimmt. Felix argumentiert in seinem Beitrag aus der Sicht eines Softwarehauses: „In den meisten Fällen arbeiten heute Teams in der Projektentwicklung weiterhin mit Werkverträgen, d.h. es wird ein definiertes Ergebnis zu einem bestimmten Termin geschuldet.“ Das bedeutet aber eben nicht nur ein Werkvertrag, sondern auch eine neue, künstlich eingezogene betriebswirtschaftliche Ebene: Für den Auftragnehmer ist in dieser Situation nicht mehr der betriebswirtschaftliche Erfolg der Software relevant, sondern einzig der Erfolg des Projekts ihrer Erstellung, gemessen an Einhaltung von Umfang und Termin möglichst unterhalb des Budgets und zu einer Qualität, die mir nicht gerichtsfest um die Ohren geschlagen werden kann.

Je weiter ich als Projektleiter also kurzfristige Kosten und damit Qualität nach unten drücken kann, um so erfolgreicher bin ich betriebswirtschaftlich als Projekthaus. Allerdings werden dabei die Kosten nicht wirklich reduziert, sondern nur vom Auftragnehmer zum Auftraggeber verlagert: Der Auftragnehmer spart vor der Produktionssetzung Kosten ein, indem er weniger in Qualität investiert, der Auftraggeber muss ein Mehrfaches dieser Kosten hinterher aufbringen, um die Fehler zu beheben, mit den Fehlerfolgen umzugehen und das verkorkste Design weiter zu entwickeln. In der Rechtstheorie könnte er dafür zwar den Auftragnehmer in Mängelhaftung nehmen, in der Praxis ist das jedoch nicht nachzuweisen.

Rob Austin bezeichnet diese Konstellation in einem meiner Lieblingsbücher „Measuring and Managing Performance in Organizations“ als „Measurement Distortion“: Wenn ein System (oder Vertrag) von vier Parametern bestimmt wird (Termin, Umfang, Kosten und Qualität) und ich kann nur drei von ihnen einigermaßen messen (Termin, Umfang und Kosten), so werden diese auf Kosten des schlecht messbaren vierten Parameters (Qualität) optimiert. Wie das im Projektalltag dann aussieht, beschreibt Felix sehr richtig und treffend.

Die Schlussfolgerung ist aber nicht, dass Agilisten „das Thema ‚Kosten‘ gerne verdrängen“ würden, sondern dass Werkverträge nicht geeignet sind, betriebswirtschaftlich sinnvoll ein Softwaresystem zu erstellen: Hier geht es ja nicht nur um Entwicklungskosten (die der Auftragnehmer eines Werkvertrages optimiert), sondern um die Gesamtkosten („Total Cost of Ownership“) des Systems, zu denen unter anderem auch Betriebs-, Wartungs-, Weiterentwicklungs- und Stilllegungskosten gehören. Die Rechnung wird also am Ende der Lebenszeit der Software aufgemacht, nicht zu Produktionsstart. Um die Tatsache abzubilden, dass bei den Kosten auch der Zeitfaktor mitspielt, arbeiten Betriebswirtschaftler mit Abzinsungsmodellen, die ein guter Product Owner meines Erachtens kennen und soweit sinnvoll berücksichtigen sollte. Mike Cohn beschreibt solche Modelle sehr gut in seinem Buch „Agile Estimating and Planning„, Kapitel 10.

Die agile Sicht stellt also dem traditionellen Projekt „Software bis zur Produktionsreife entwickeln“ eine Produktsicht gegenüber: Der Return-on-Investment über den gesamten Lebenszyklus muss optimiert werden. Ich habe diesen Gedanken 2005 einmal in dem Artikel „Projektdämmerung“ weiter ausgeführt. Es geht also um eine globale Optimierung statt einer lokalen, bzw. um eine ganzheitlichere Sicht auch in der betriebswirtschaftlichen Steuerung. In Scrum ist genau das die Aufgabe des Product Owners.

Mit anderen Worten: Die Abkehr vom Werkvertrag ist für den Auftraggeber wichtig und sinnvoll. Die Auftragnehmer haben sich mit Werkverträgen arrangiert, vom meist agilen, kundenorientierten Softwarehaus, das sich bemüht, das Spannungsfeld für alle Seiten einigermäßen erträglich auszubalanzieren bis zum eiskalten Homo Ökonomicus im Großkonzern, für den nur noch Termine und Kostenminimierung zählen und die nicht vertraglich fixierten Interessen des Kunden keine Rolle mehr spielen. Der Auftraggeber liefert sich in beiden Fällen ohne Not dem Auftragnehmer aus, seine Interessen kommen dabei in der Regel unter die Räder.

Einfach zum Nachdenken

Den folgenden Text hat Robin Dymond heute auf der Mailingliste für Retrospektiven herumgeschickt. Ich fand ihn so lesenswert — bis zum Ende — dass ich mich entschlossen habe, ihn zu bloggen:

Washington DC Metro Station on a cold January morning in 2007. He played six Bach pieces for about 45 minutes. During that time approx 2 thousand people went through the station, most of them on their way to work. After 3 minutes a middle aged man noticed there was a musician playing. He slowed his pace and stopped for a few seconds and then hurried to meet his schedule.

4 minutes later:
the violinist received his first dollar: a woman threw the money in the till and, without stopping, continued to walk.

6 minutes:
A young man leaned against the wall to listen to him, then looked at his watch and started to walk again.

10 minutes:
A 3 year old boy stopped but his mother tugged him along hurriedly, as the kid stopped to look at the violinist. Finally the mother pushed hard and the child continued to walk, turning his head all the time. This action was repeated by several other children. Every parent, without exception, forced them to move on.

45 minutes:
The musician played. Only 6 people stopped and stayed for a while. About 20 gave him money but continued to walk their normal pace.
He collected $32.

1 hour:
He finished playing and silence took over. No one noticed. No one applauded, nor was there any recognition.

No one knew this but the violinist was Joshua Bell, one of the best musicians in the world. He played one of the most intricate pieces ever written, with a violin worth $3.5 million dollars. Two days before Joshua Bell sold out a theater in Boston where the seats averaged $100.

This is a real story. Joshua Bell playing incognito in the metro station was organized by the Washington Post as part of a social experiment about perception, taste and people’s priorities. The questions raised: in a common place environment at an inappropriate hour, do we perceive beauty? Do we stop to appreciate it? Do we recognize talent in an unexpected context?

One possible conclusion reached from this experiment could be:

If we do not have a moment to stop and listen to one of the best musicians in the world playing some of the finest music ever written, with one of the most beautiful instruments ….

How many other things are we missing?

Einen ausführlichen Bericht inklusive zweier Videos bietet die Washington Post auf ihrer Web-Seite.

Pressemitteilung: Erste Umfrageergebnisse zur Software Engineering Ausbildung

Am 28.5. hatte ich unter anderem hier um Teilnahme an einer Umfrage gebeten, die ich gemeinsam mit dem OBJEKTspektrum und dem Verein Karlsruher Software Ingenieure e.V. gestartet habe, um zu erfahren, wie es um die Ausbildung der Software Ingenieure bei uns bestellt ist. Am kommenden Montag werde ich die ersten Ergebnisse bei meiner Keynote auf dem VKSI-Day in Karlsruhe präsentieren, heute hat das OBJEKTspektrum vorab folgende Pressemitteilung verschickt:

Deutschland abgehängt? – Industrie gibt Informatikerausbildung schlechte Noten

Die Ausbildung der deutschen Informatikstudenten ist gerade einmal „ausreichend“. Das zeigt eine gemeinsame Umfrage der Fachzeitschrift OBJEKTspektrum und des Vereins Karlsruher Software Ingenieure e.V. Der Chefredakteur des OBJEKTspektrums, Jens Coldewey, präsentiert die Ergebnisse auf der Eröffnungskonferenz des Vereins Karlsruher Software Ingenieure am 22. Juni 2009 in Karlsruhe. Leitfrage im Internet war: „Wie steht es um die Ausbildung unserer Software-Ingenieure?“. Geantwortet hatten 170 Personalverantwortliche aus der Industrie und 60 Dozenten von Universitäten.

Dramatisch fallen die Einschätzungen der IT-Profis aus, wenn sie beurteilen, wie weit die guten Absolventen dem Leitbild eines guten Software-Ingenieurs gerecht werden: Bei der aus ihrer Sicht wichtigsten Fertigkeit, dem Durchdringen fachlicher Systeme, konnte man sich gerade noch zu einem „ausreichend“ durchringen und auch die Programmierfertigkeiten beurteilten weniger als 50% mit gut oder sehr gut. Testen beherrschen Informatik-Absolventen nach Ansicht von 50% der befragten Industrievertreter unzureichend bis gar nicht – ein frappierender Gegensatz zu der einhelligen Ansicht aus Industrie und Forschung, diese Fertigkeit sei wichtig bis sehr wichtig. Ähnliche Noten erhalten Themen wie Ergonomie und Management. Selbst die Designkenntnisse, also die Techniken, Systeme so zu bauen, dass sie sicher und gut weiterzuentwickeln sind, mögen die Personalverantwortlichen nur mit ausreichend bewerten.

„Die Studie ist nicht repräsentativ“, relativiert Coldewey das Ergebnis, aber sie bestätige die Erfahrungen, die er als Berater täglich in der Praxis mache: „Selbst guten Absolventen muss man erst einmal die Grundlagen unseres Handwerks beibringen“. Immerhin: Zumindest 4 Fachhochschulen bieten ihren Studenten moderne Lehrverfahren wie Workshops an. Die Industrievertreter beurteilten die Berufsanfänger noch immer mit gut bis sehr gut dort, wo die deutsche Forschung in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts führend war, etwa in Algorithmen und Datenstrukturen. Vor zehn oder 15 Jahren entstandene Gebiete schnitten aber auffallend schlecht ab, wie z. B. Techniken zum fehlerfreien Umbau von Software. Zudem schätzt die Industire in diesen Bereichen die Themen wichtiger ein, als die Universitäten. „Mit diesen Ergebnissen können wir mit Mühe die Bedürfnisse der heimischen IT befriedigen, aber nicht an der Weltspitze mithalten. Sollten sich die Aussagen in einer repräsentativen Studie bestätigen, droht unseren Universitäten die Gefahr, neue Entwicklungen nicht zu treiben, sondern von Ihnen abgehängt zu werden.“, resümiert Coldewey.

Am Montag gibt es dann einen ersten Gesamtüberblick über die Ergebnisse und im OBJEKTspektrum 5/09 einen ausführlicheren Beitrag dazu.

Internet-Zensur: Noch immer bedenklich

134014 Petitenten so völlig zu ignorieren scheinen sich selbst die Hardliner doch nicht getraut zu haben: Das heute im Bundestag zum Entschluss vorgelegte „Zugangserschwerungsgesetz“ berücksichtigt doch ein paar der Kritikpunkte:

  • Wer auf ein Stoppschild läuft wird nicht mehr direkt erfasst und dem BKA gemeldet
  • Ein Wächtergremium angesiedelt beim Bundesdatenschutzbeauftragten soll die Sperrlisten kontrollieren
  • Die Sperren wurden in ein eigenes Gesetz gegossen und nicht in das Telemediengesetz integriert, wo sie problemlos auf jedes beliebige Thema hätten ausdehnt werden können (z.B. illegale Downloads, Nazipropaganda, Kritik an Internetzensur, Kritik an der Regierungspartei usw.).

Also alles in Butter? Auch wenn die jetzige Regelung zugegebenermaßen schon erträglicher ist, als die ersten Vorschläge, die eher an polizeistaatliche Regeln erinnerten, als an rechtsstaatliche, denke ich, dass auch die jetzige Regelung noch inakzeptabel ist:

  • Dass die Stoppschildbesucher nicht mehr sofort an das BKA gemeldet werden ist angesichts der Vorratsdatenspeicherung nur von begrenztem Trost: Technisch liegen die Daten vor und lassen sich durchaus entsprechend auswerten. Zwar hat Karlsruhe der Auswertung durch seine einstweilige Verfügung erstmal einen Riegel vorgeschoben, aber das ändert nichts daran, dass die Daten da sind und aufgehoben werden (müsen). Und dass existierende Daten nur deshalb sicher wären, weil Karlsruhe deren Auswertung als unfreundlichen Akt sieht, haben Telekon und Bahn zur Genüge ad absurdum geführt. Hier ist also nach wie vor Erpressung Tür und Tor geöffnet, bis Karlruhe dem Unfug der Vorratsdatenspeicherung hoffentlich ein Ende bereitet.
  • Für die Genehmigung von Grundrechtseingriffen wie der Presse- und Informationsfreiheit sind in einem Rechtsstaat Richter zuständig mit einem klar definierten Instanzenweg, damit Betroffene sich wehren können. Zwar dürfte der Bundesdatenschutzbeauftragte unabhängiger sein, als zum Beispiel ein Innenminister (und das ist diesmal gar nicht mal persönlich gemeint), dennoch hat das nichts mit Gewaltenteilung zu tun. Eine richterlich angeordnete Sperre im Rahmen eines international laufenden Strafverfahrens inklusive Einzelfallprüfung wäre das mindeste gewesen, um die Regelung sauber zu machen.
  • Die Süddeutsche Zeitung zitiert Klaus Jansen vom Bund Deutscher Kriminalbeamten mit den Hinweis: „Das BKA muss selbst Kriterien festlegen, was als kinderpornographisch einzustufen ist.“ Macht die Polizei bei uns neuerdings die Gesetze? Eigentlich wäre das Parlament dafür zuständig, in letzter Zeit müssen die Gerichte immer häufiger die Lücken füllen, die dabei gelassen werden. Jetzt auch noch das BKA im Rahmen geheimer Kriterienkataloge? Den geeigneten Kommentar findet man mal wieder in der finsteren McCarthy-Ära in den USA der 50er Jahre: „Ich kann zwar Pornografie nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe“ beschied damals ein Richter einen Angeklagten. Eines Rechtsstaats ist das unwürdig.
  • Die SZ liefert auch gleich die Geschichte nach, dass einmal die Schweizer Hochschulen nicht erreichbar waren, weil zuvor unter der gleichen IP-Adresse Neonazis ihren Schund verbreitet hatten. Soviel zum Thema „wer nichts verbrochen hat, hat auch nichts zu befürchten“
  • Und schließlich bliebt noch immer das Grundproblem, dass die Sperren nichts helfen werden. DNS-Sperren zu umgehen ist eine Fingerübung für 13-jährige (im Iran sieht man gerade, wie wichtig das ist!) und wenn man den einschlägigen Berichten glauben darf, wird der Großteil der Kinderpornografie ohnehin in Chats und Newsrooms gehandelt, die von DNS-Sperren nicht erfasst werden können. Die Vorstellung, dass irgendein Produzent solcher Bilder darauf in Zukunft verzichtet (was wirklicher Schutz wäre), nur weil da in Deutschland ein Stoppschildchen auftauchen könnte, ist ohnehin dermaßen naiv, dass man es schon fast als vorsätzliche Desinformation bezeichnen könnte.

Also: Ein fragwürdiger Eingriff in die Grundrechte auf rechtsstaatlich noch fragwürdigerer Grundlage, der nichts hilft. Man kann nur hoffen, dass mal wieder Karlsruhe dem Unsinn ein Ende bereitet.

Bis dahin bleibt uns, sich das heutige Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten bis zum September zu merken. Herr Wiefelspütz hat auch schon zurück rudern müssen und feststellen müssen „Ich bin strikt gegen Zensur“. Wir sollten Politiker wählen, die solche Klarstellungen nicht nötig haben.

Es geht um Zensur, nicht um Kinderschutz

Wer noch immer meint, die CDU/CSU wolle mit der Internetzensur Kinder schützen, lese einmal die aktuelle Pressemitteilung des kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen MdB. Dort heißt es unter anderem: „Die SPD wäre dadurch Gefahr gelaufen, Straftaten im Internet Vorschub zu leisten, von der Vergewaltigung und Erniedrigung kleiner Kinder bis hin zu Urheberrechtsverletzungen in breitestem Ausmaß gegenüber Künstlern und Kreativen“ (Hervorhebung durch mich). Im Klartext: Wir fangen mal mit dem an, wo keiner widersprechen mag, um sich nicht in den Geruch eines Kinderschänders zu bringen. Wenn wir dann die Infrastruktur durchgesetzt haben, kommen wirtschaftliche Interessen dran – wohlgemerkt nach wie vor mit geheimen Listen! So weit sind die Chinesen auch schon mit der Argumentation. Dann kommen vielleicht die Nazis dran, da dürfte auch keiner Lust haben, sich für die einzusetzen. Und irgendwann sind wir bei einer Zensur, gegen die sich Bismarck’sche Zeiten wie der Hort der Meinungsfreiheit angefühlt haben dürften.

Bei Straftaten im Internet muss man die Straftäter verfolgen und nicht anschließend die Spuren wegretuschieren. Aber es ist ja Wahlkampf, was zählt da schon das bisschen Grundrecht, an dem eh nur die „die Linksaußen in der SPD“ interessiert sind, um noch einmal Herrn Börnsen zu zitieren. Einfache Gleichung: Links = Verbrecherschützer = Kinderschänder. Ich wünschte, meine Welt wäre auch so einfach…