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- Zitate (8)
- 3.7.2009: Kundennutzen in Agilen Projekten
- 3.7.2009: Einfach zum Nachdenken
- 19.6.2009: Pressemitteilung: Erste Umfrageergebnisse zur Software Engineering Ausbildung
- 18.6.2009: Internet-Zensur: Noch immer bedenklich
- 15.6.2009: Es geht um Zensur, nicht um Kinderschutz
- 15.6.2009: Aufruf zu Einreichungen für die XPDays 2009
- 6.6.2009: Buchtipp: Sam Kaner et.al. "Facilitator's Guide to Participatory Decision Making"
- 4.6.2009: Bürokratie ist wichtiger als unzensiertes Internet
- 2.6.2009: Internetzensur: Trauriger Stand der Dinge
- 28.5.2009: Umfrage zur Software Engineering Ausbildung
Kundennutzen in Agilen Projekten
3.7.2009 von Jens Coldewey.
Felix Rüssel hat vor einiger Zeit in seinem — übrigens insgesamt sehr lesenswerten — Blog einen älteren Beitrag von mir zum Kundennutzen unter dem Titel “Kundenzufriedenheit vs Kosten” in die Kritik genommen. Einer von Felix’ Kernsätze war: “Die agile Sichtweise schlägt […] stark vereinfacht vor, Kundennutzen grundsätzlich zu maximieren. Dies darf jedoch nicht zu Lasten des Gesamtbudgets des Projektes gehen! Dieser Konflikt muss durch den ProductOwner bzw. den Projektleiter erkannt und zusammen mit dem Kunden gelöst werden”, und er beklagt sich: “Die Kundenzufriedenheit spielt […] unbestritten eine zentrale Rolle, wird jedoch gerade in der agilen Welt zu oft als alleiniges Heilmittel angesehen. Es wird oft aus der Sicht des Ingenieurs argumentiert, der Prozesse und Arbeitsergebnisse optimieren möchte.”
Ich teile Felix’ Auffassung nicht, dass die alleinige Fokussierung auf die Kundenzufriedenheit nur aus einer technokratischen Sicht kommt. Ich denke, sie hat auch handfeste betriebswirtschaftliche Gründe, zumindest wenn der Kontext stimmt. Felix argumentiert in seinem Beitrag aus der Sicht eines Softwarehauses: “In den meisten Fällen arbeiten heute Teams in der Projektentwicklung weiterhin mit Werkverträgen, d.h. es wird ein definiertes Ergebnis zu einem bestimmten Termin geschuldet.” Das bedeutet aber eben nicht nur ein Werkvertrag, sondern auch eine neue, künstlich eingezogene betriebswirtschaftliche Ebene: Für den Auftragnehmer ist in dieser Situation nicht mehr der betriebswirtschaftliche Erfolg der Software relevant, sondern einzig der Erfolg des Projekts ihrer Erstellung, gemessen an Einhaltung von Umfang und Termin möglichst unterhalb des Budgets und zu einer Qualität, die mir nicht gerichtsfest um die Ohren geschlagen werden kann.
Je weiter ich als Projektleiter also kurzfristige Kosten und damit Qualität nach unten drücken kann, um so erfolgreicher bin ich betriebswirtschaftlich als Projekthaus. Allerdings werden dabei die Kosten nicht wirklich reduziert, sondern nur vom Auftragnehmer zum Auftraggeber verlagert: Der Auftragnehmer spart vor der Produktionssetzung Kosten ein, indem er weniger in Qualität investiert, der Auftraggeber muss ein Mehrfaches dieser Kosten hinterher aufbringen, um die Fehler zu beheben, mit den Fehlerfolgen umzugehen und das verkorkste Design weiter zu entwickeln. In der Rechtstheorie könnte er dafür zwar den Auftragnehmer in Mängelhaftung nehmen, in der Praxis ist das jedoch nicht nachzuweisen.
Rob Austin bezeichnet diese Konstellation in einem meiner Lieblingsbücher “Measuring and Managing Performance in Organizations” als “Measurement Distortion”: Wenn ein System (oder Vertrag) von vier Parametern bestimmt wird (Termin, Umfang, Kosten und Qualität) und ich kann nur drei von ihnen einigermaßen messen (Termin, Umfang und Kosten), so werden diese auf Kosten des schlecht messbaren vierten Parameters (Qualität) optimiert. Wie das im Projektalltag dann aussieht, beschreibt Felix sehr richtig und treffend.
Die Schlussfolgerung ist aber nicht, dass Agilisten “das Thema ‘Kosten’ gerne verdrängen” würden, sondern dass Werkverträge nicht geeignet sind, betriebswirtschaftlich sinnvoll ein Softwaresystem zu erstellen: Hier geht es ja nicht nur um Entwicklungskosten (die der Auftragnehmer eines Werkvertrages optimiert), sondern um die Gesamtkosten (”Total Cost of Ownership”) des Systems, zu denen unter anderem auch Betriebs-, Wartungs-, Weiterentwicklungs- und Stilllegungskosten gehören. Die Rechnung wird also am Ende der Lebenszeit der Software aufgemacht, nicht zu Produktionsstart. Um die Tatsache abzubilden, dass bei den Kosten auch der Zeitfaktor mitspielt, arbeiten Betriebswirtschaftler mit Abzinsungsmodellen, die ein guter Product Owner meines Erachtens kennen und soweit sinnvoll berücksichtigen sollte. Mike Cohn beschreibt solche Modelle sehr gut in seinem Buch “Agile Estimating and Planning“, Kapitel 10.
Die agile Sicht stellt also dem traditionellen Projekt “Software bis zur Produktionsreife entwickeln” eine Produktsicht gegenüber: Der Return-on-Investment über den gesamten Lebenszyklus muss optimiert werden. Ich habe diesen Gedanken 2005 einmal in dem Artikel “Projektdämmerung” weiter ausgeführt. Es geht also um eine globale Optimierung statt einer lokalen, bzw. um eine ganzheitlichere Sicht auch in der betriebswirtschaftlichen Steuerung. In Scrum ist genau das die Aufgabe des Product Owners.
Mit anderen Worten: Die Abkehr vom Werkvertrag ist für den Auftraggeber wichtig und sinnvoll. Die Auftragnehmer haben sich mit Werkverträgen arrangiert, vom meist agilen, kundenorientierten Softwarehaus, das sich bemüht, das Spannungsfeld für alle Seiten einigermäßen erträglich auszubalanzieren bis zum eiskalten Homo Ökonomicus im Großkonzern, für den nur noch Termine und Kostenminimierung zählen und die nicht vertraglich fixierten Interessen des Kunden keine Rolle mehr spielen. Der Auftraggeber liefert sich in beiden Fällen ohne Not dem Auftragnehmer aus, seine Interessen kommen dabei in der Regel unter die Räder.
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Einfach zum Nachdenken
3.7.2009 von Jens Coldewey.
Den folgenden Text hat Robin Dymond heute auf der Mailingliste für Retrospektiven herumgeschickt. Ich fand ihn so lesenswert — bis zum Ende — dass ich mich entschlossen habe, ihn zu bloggen:
Washington DC Metro Station on a cold January morning in 2007. He played six Bach pieces for about 45 minutes. During that time approx 2 thousand people went through the station, most of them on their way to work. After 3 minutes a middle aged man noticed there was a musician playing. He slowed his pace and stopped for a few seconds and then hurried to meet his schedule.
4 minutes later:
the violinist received his first dollar: a woman threw the money in the till and, without stopping, continued to walk.6 minutes:
A young man leaned against the wall to listen to him, then looked at his watch and started to walk again.10 minutes:
A 3 year old boy stopped but his mother tugged him along hurriedly, as the kid stopped to look at the violinist. Finally the mother pushed hard and the child continued to walk, turning his head all the time. This action was repeated by several other children. Every parent, without exception, forced them to move on.45 minutes:
The musician played. Only 6 people stopped and stayed for a while. About 20 gave him money but continued to walk their normal pace.
He collected $32.1 hour:
He finished playing and silence took over. No one noticed. No one applauded, nor was there any recognition.No one knew this but the violinist was Joshua Bell, one of the best musicians in the world. He played one of the most intricate pieces ever written, with a violin worth $3.5 million dollars. Two days before Joshua Bell sold out a theater in Boston where the seats averaged $100.
This is a real story. Joshua Bell playing incognito in the metro station was organized by the Washington Post as part of a social experiment about perception, taste and people’s priorities. The questions raised: in a common place environment at an inappropriate hour, do we perceive beauty? Do we stop to appreciate it? Do we recognize talent in an unexpected context?
One possible conclusion reached from this experiment could be:
If we do not have a moment to stop and listen to one of the best musicians in the world playing some of the finest music ever written, with one of the most beautiful instruments ….
How many other things are we missing?
Einen ausführlichen Bericht inklusive zweier Videos bietet die Washington Post auf ihrer Web-Seite.
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Pressemitteilung: Erste Umfrageergebnisse zur Software Engineering Ausbildung
19.6.2009 von Jens Coldewey.
Am 28.5. hatte ich unter anderem hier um Teilnahme an einer Umfrage gebeten, die ich gemeinsam mit dem OBJEKTspektrum und dem Verein Karlsruher Software Ingenieure e.V. gestartet habe, um zu erfahren, wie es um die Ausbildung der Software Ingenieure bei uns bestellt ist. Am kommenden Montag werde ich die ersten Ergebnisse bei meiner Keynote auf dem VKSI-Day in Karlsruhe präsentieren, heute hat das OBJEKTspektrum vorab folgende Pressemitteilung verschickt:
Deutschland abgehängt? - Industrie gibt Informatikerausbildung schlechte Noten
Die Ausbildung der deutschen Informatikstudenten ist gerade einmal „ausreichend“. Das zeigt eine gemeinsame Umfrage der Fachzeitschrift OBJEKTspektrum und des Vereins Karlsruher Software Ingenieure e.V. Der Chefredakteur des OBJEKTspektrums, Jens Coldewey, präsentiert die Ergebnisse auf der Eröffnungskonferenz des Vereins Karlsruher Software Ingenieure am 22. Juni 2009 in Karlsruhe. Leitfrage im Internet war: „Wie steht es um die Ausbildung unserer Software-Ingenieure?“. Geantwortet hatten 170 Personalverantwortliche aus der Industrie und 60 Dozenten von Universitäten.
Dramatisch fallen die Einschätzungen der IT-Profis aus, wenn sie beurteilen, wie weit die guten Absolventen dem Leitbild eines guten Software-Ingenieurs gerecht werden: Bei der aus ihrer Sicht wichtigsten Fertigkeit, dem Durchdringen fachlicher Systeme, konnte man sich gerade noch zu einem “ausreichend” durchringen und auch die Programmierfertigkeiten beurteilten weniger als 50% mit gut oder sehr gut. Testen beherrschen Informatik-Absolventen nach Ansicht von 50% der befragten Industrievertreter unzureichend bis gar nicht - ein frappierender Gegensatz zu der einhelligen Ansicht aus Industrie und Forschung, diese Fertigkeit sei wichtig bis sehr wichtig. Ähnliche Noten erhalten Themen wie Ergonomie und Management. Selbst die Designkenntnisse, also die Techniken, Systeme so zu bauen, dass sie sicher und gut weiterzuentwickeln sind, mögen die Personalverantwortlichen nur mit ausreichend bewerten.
„Die Studie ist nicht repräsentativ“, relativiert Coldewey das Ergebnis, aber sie bestätige die Erfahrungen, die er als Berater täglich in der Praxis mache: „Selbst guten Absolventen muss man erst einmal die Grundlagen unseres Handwerks beibringen“. Immerhin: Zumindest 4 Fachhochschulen bieten ihren Studenten moderne Lehrverfahren wie Workshops an. Die Industrievertreter beurteilten die Berufsanfänger noch immer mit gut bis sehr gut dort, wo die deutsche Forschung in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts führend war, etwa in Algorithmen und Datenstrukturen. Vor zehn oder 15 Jahren entstandene Gebiete schnitten aber auffallend schlecht ab, wie z. B. Techniken zum fehlerfreien Umbau von Software. Zudem schätzt die Industire in diesen Bereichen die Themen wichtiger ein, als die Universitäten. „Mit diesen Ergebnissen können wir mit Mühe die Bedürfnisse der heimischen IT befriedigen, aber nicht an der Weltspitze mithalten. Sollten sich die Aussagen in einer repräsentativen Studie bestätigen, droht unseren Universitäten die Gefahr, neue Entwicklungen nicht zu treiben, sondern von Ihnen abgehängt zu werden.”, resümiert Coldewey.
Am Montag gibt es dann einen ersten Gesamtüberblick über die Ergebnisse und im OBJEKTspektrum 5/09 einen ausführlicheren Beitrag dazu.
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Internet-Zensur: Noch immer bedenklich
18.6.2009 von Jens Coldewey.
134014 Petitenten so völlig zu ignorieren scheinen sich selbst die Hardliner doch nicht getraut zu haben: Das heute im Bundestag zum Entschluss vorgelegte “Zugangserschwerungsgesetz” berücksichtigt doch ein paar der Kritikpunkte:
- Wer auf ein Stoppschild läuft wird nicht mehr direkt erfasst und dem BKA gemeldet
- Ein Wächtergremium angesiedelt beim Bundesdatenschutzbeauftragten soll die Sperrlisten kontrollieren
- Die Sperren wurden in ein eigenes Gesetz gegossen und nicht in das Telemediengesetz integriert, wo sie problemlos auf jedes beliebige Thema hätten ausdehnt werden können (z.B. illegale Downloads, Nazipropaganda, Kritik an Internetzensur, Kritik an der Regierungspartei usw.).
Also alles in Butter? Auch wenn die jetzige Regelung zugegebenermaßen schon erträglicher ist, als die ersten Vorschläge, die eher an polizeistaatliche Regeln erinnerten, als an rechtsstaatliche, denke ich, dass auch die jetzige Regelung noch inakzeptabel ist:
- Dass die Stoppschildbesucher nicht mehr sofort an das BKA gemeldet werden ist angesichts der Vorratsdatenspeicherung nur von begrenztem Trost: Technisch liegen die Daten vor und lassen sich durchaus entsprechend auswerten. Zwar hat Karlsruhe der Auswertung durch seine einstweilige Verfügung erstmal einen Riegel vorgeschoben, aber das ändert nichts daran, dass die Daten da sind und aufgehoben werden (müsen). Und dass existierende Daten nur deshalb sicher wären, weil Karlsruhe deren Auswertung als unfreundlichen Akt sieht, haben Telekon und Bahn zur Genüge ad absurdum geführt. Hier ist also nach wie vor Erpressung Tür und Tor geöffnet, bis Karlruhe dem Unfug der Vorratsdatenspeicherung hoffentlich ein Ende bereitet.
- Für die Genehmigung von Grundrechtseingriffen wie der Presse- und Informationsfreiheit sind in einem Rechtsstaat Richter zuständig mit einem klar definierten Instanzenweg, damit Betroffene sich wehren können. Zwar dürfte der Bundesdatenschutzbeauftragte unabhängiger sein, als zum Beispiel ein Innenminister (und das ist diesmal gar nicht mal persönlich gemeint), dennoch hat das nichts mit Gewaltenteilung zu tun. Eine richterlich angeordnete Sperre im Rahmen eines international laufenden Strafverfahrens inklusive Einzelfallprüfung wäre das mindeste gewesen, um die Regelung sauber zu machen.
- Die Süddeutsche Zeitung zitiert Klaus Jansen vom Bund Deutscher Kriminalbeamten mit den Hinweis: “Das BKA muss selbst Kriterien festlegen, was als kinderpornographisch einzustufen ist.” Macht die Polizei bei uns neuerdings die Gesetze? Eigentlich wäre das Parlament dafür zuständig, in letzter Zeit müssen die Gerichte immer häufiger die Lücken füllen, die dabei gelassen werden. Jetzt auch noch das BKA im Rahmen geheimer Kriterienkataloge? Den geeigneten Kommentar findet man mal wieder in der finsteren McCarthy-Ära in den USA der 50er Jahre: “Ich kann zwar Pornografie nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe” beschied damals ein Richter einen Angeklagten. Eines Rechtsstaats ist das unwürdig.
- Die SZ liefert auch gleich die Geschichte nach, dass einmal die Schweizer Hochschulen nicht erreichbar waren, weil zuvor unter der gleichen IP-Adresse Neonazis ihren Schund verbreitet hatten. Soviel zum Thema “wer nichts verbrochen hat, hat auch nichts zu befürchten”
- Und schließlich bliebt noch immer das Grundproblem, dass die Sperren nichts helfen werden. DNS-Sperren zu umgehen ist eine Fingerübung für 13-jährige (im Iran sieht man gerade, wie wichtig das ist!) und wenn man den einschlägigen Berichten glauben darf, wird der Großteil der Kinderpornografie ohnehin in Chats und Newsrooms gehandelt, die von DNS-Sperren nicht erfasst werden können. Die Vorstellung, dass irgendein Produzent solcher Bilder darauf in Zukunft verzichtet (was wirklicher Schutz wäre), nur weil da in Deutschland ein Stoppschildchen auftauchen könnte, ist ohnehin dermaßen naiv, dass man es schon fast als vorsätzliche Desinformation bezeichnen könnte.
Also: Ein fragwürdiger Eingriff in die Grundrechte auf rechtsstaatlich noch fragwürdigerer Grundlage, der nichts hilft. Man kann nur hoffen, dass mal wieder Karlsruhe dem Unsinn ein Ende bereitet.
Bis dahin bleibt uns, sich das heutige Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten bis zum September zu merken. Herr Wiefelspütz hat auch schon zurück rudern müssen und feststellen müssen “Ich bin strikt gegen Zensur”. Wir sollten Politiker wählen, die solche Klarstellungen nicht nötig haben.
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Es geht um Zensur, nicht um Kinderschutz
15.6.2009 von Jens Coldewey.
Wer noch immer meint, die CDU/CSU wolle mit der Internetzensur Kinder schützen, lese einmal die aktuelle Pressemitteilung des kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen MdB. Dort heißt es unter anderem: “Die SPD wäre dadurch Gefahr gelaufen, Straftaten im Internet Vorschub zu leisten, von der Vergewaltigung und Erniedrigung kleiner Kinder bis hin zu Urheberrechtsverletzungen in breitestem Ausmaß gegenüber Künstlern und Kreativen” (Hervorhebung durch mich). Im Klartext: Wir fangen mal mit dem an, wo keiner widersprechen mag, um sich nicht in den Geruch eines Kinderschänders zu bringen. Wenn wir dann die Infrastruktur durchgesetzt haben, kommen wirtschaftliche Interessen dran - wohlgemerkt nach wie vor mit geheimen Listen! So weit sind die Chinesen auch schon mit der Argumentation. Dann kommen vielleicht die Nazis dran, da dürfte auch keiner Lust haben, sich für die einzusetzen. Und irgendwann sind wir bei einer Zensur, gegen die sich Bismarck’sche Zeiten wie der Hort der Meinungsfreiheit angefühlt haben dürften.
Bei Straftaten im Internet muss man die Straftäter verfolgen und nicht anschließend die Spuren wegretuschieren. Aber es ist ja Wahlkampf, was zählt da schon das bisschen Grundrecht, an dem eh nur die “die Linksaußen in der SPD” interessiert sind, um noch einmal Herrn Börnsen zu zitieren. Einfache Gleichung: Links = Verbrecherschützer = Kinderschänder. Ich wünschte, meine Welt wäre auch so einfach…
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Aufruf zu Einreichungen für die XPDays 2009
15.6.2009 von Jens Coldewey.
Auch heuer findet die (meines Wissens) größte deutschsprachige methodenübergreifende Konferenz zu agiler Entwicklung, die XPDays 2009, wieder Ende November statt, turnusmäßig im schönen Karlsruhe. Wer etwas beitragen möchte, findet den offiziellen Aufruf zu Einreichungen unter http://xpdays.de/2009/callforsessions.html, spätester Termin ist der 31.7.09; wer früher einreicht, bekommt besseres und mehr Feedback und noch eine Chance, die Einreichung zu verbessern. Es gibt nämlich einen offenen Reviewprozess, an dem jeder teilnehmen kann, der sich dazu berufen fühlt.
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Buchtipp: Sam Kaner et.al. “Facilitator’s Guide to Participatory Decision Making”
6.6.2009 von Jens Coldewey.
Meine Moderationsausbildung ist jetzt über 15 Jahre her und ich habe seitdem ein paar hundert Workshops, Meetings und Retrospektiven geplant und moderiert; von Routinemeetings bis hin zu emotional und politisch hochbrisanten Konfliktmeetings. Dass ich mir Sam Kaners Buch bestellt habe, lag eher daran, dass Diana Larsen ihn empfohlen hatte: Da musste ja was dran sein. Und es ist etwas dran, sogar sehr viel! Es ist tatsächlich das beste Buch zur Moderation, das ich bisher in der Hand hatte.
Kaner führt in einem sehr kurzen Theorieteil ein in die Gruppendynamik von gemeinsamen Entscheidungsprozessen, stellt dann alle möglichen Werkzeuge und Techniken für die Moderation vor, die jeweils mit Anwendungsbereich, Durchführung und Konsequenzen beschrieben werden, gibt Hinweise, wie man nachhaltige Übereinstimmung herstellt und stellt schließlich Techniken vor, um verbindliche Abschlüsse zu erreichen. Etwa 70-80% der Techniken waren mir bekannt, die anderen sind interessante Variationen, von denen ich sicher das eine oder andere in mein Portfolio aufnehmen werde. Anders formuliert, inhaltlich leistet das Buch das, was geleistet werden muss.
Begeistert hat mich aber die Präsentation: Jede Seite kann für sich stehen, man kann das Buch ebenso als Nachschlagewerk verwenden, wie zum Durchlesen. Jedes Kapitel gibt eine ein- bis zweiseitige Einführung in die Theorie des Themas, dann kommen Praktiken. So enthält alleine das Kapitel “Alternatives to Open Discussion” zwölf Varianten für Meetingformate:
- Small Groups
- Jigsaw
- Multi-Tasking
- Fishbowls
- Scrambler
- Roleplays
- Tradeshows
- Open Discussion
- Individual Writing
- Listing Ideas
- Presentations and Reports
- Structured Go-Arounds
Jedes einzelne Format wird mit Empfehlungen über den Einsatzbereich, genauen Anweisungen zur Durchführung und Variationen beschrieben, in der Regel inklusive der Auswirkungen auf die Gruppendynamik. Da gibt es sowohl für Neueinsteiger als auch für alte Hasen einiges zum Lesen und Nachschlagen. Er spart auch “heiße” Themen wie den Umgang mit “diverse communication behaviour” nicht aus.
Einziger Wermutstropfen, den ich bisher gefunden habe: Zu den Übungen sind praktisch keine Zeitangaben enthalten. Wenn man ein wenig Erfahrung hat, lässt sich das sicher verschmerzen, aber ich empfinde nach wie vor die Zeitangaben in Esther Derbys und Diana Larsens “Agile Retrospectives” als sehr hilfreich bei der Vorbereitung. Zur Ehrenrettung muss man allerdings auch erwähnen, dass Kaner natürlich viel breiter ansetzt und auf jede Form des Workshops anwendbar ist. Das macht Zeitangaben schwierig.
Kurz und gut: Eines der besten Bücher, die ich die letzten Jahre in die Finger bekommen habe und das sicherlich noch viele Stunden auf meinem Schreibtisch vor sich haben wird, auf einem Ehrenplatz neben dem Buch von Esther Derby und Diana Larsen.
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Bürokratie ist wichtiger als unzensiertes Internet
4.6.2009 von Jens Coldewey.
Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn man über eine Studie der Universität Camebridge liest. Nach dieser Studie dauert die Löschung einer illegalen Phishing-Webseite, die Banken schädigt, ab deren Bekanntwerden im Schnitt vier Stunden. Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten bleiben dagegen im Schnitt 30 Tage im Netz.
Warum? Im ersten Fall meldet sich die betroffene Bank direkt bei dem Provider — auch im Ausland — der dann normalerweise die Seite sofort vom Netz nimmt, seinerseits Strafanzeige bei der örtlichen Polizei erstattet und Spuren sichert. Möglich ist das wie gesagt innerhalb von durchschnittlich 4 (in Worten: vier) Stunden.
Was passiert, wenn ein deutscher Polizeibeamter auf eine Seite mit kinderpornografischem Inhalt stößt? Das BKA “informiert die jeweiligen Polizeibehörden über die dafür vorgesehenen internationalen Organisationen. Dieser Weg nimmt einige Zeit in Anspruch. Da die fraglichen Seiten oft nur einige Tage ihre Domain behalten, ist die Seite schon weitergewandert.” erklärt die CDU-Abgeordnete Martina laut netzpolitik.org. Grund sei die “Achtung vor der Souveränität der Staaten”.
Also noch mal zum Mitdenken: Der Dienstweg unter den Polizeibehörden führt dazu, dass Täter, die Kinderpornos ins Netz stellen, nicht gefasst werden. Wäre es da nicht sinnvoll, wenn sich unsere Staatslenker ausnahmsweise mal über den Dienstweg Gedanken machen würden, statt in unsere Grundrechte einzugreifen? Anstatt mit geheimen Listen (wie lange dauert der Dienstweg eingentlich?) mit dem Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit und dem Fernmeldegeheimnis umzugehen, wie es sonst nur chinesische “Volksdemokraten” zu tun pflegen, sollte man vielleicht unter den Polizeibehörden vereinbaren, dass man einfach bei dem Provider anruft und dann ein Fax oder (falls Internetanschluss schon vorhanden) eine Email an die lokal zuständige Polizei schickt. Souveräne Staaten können so etwas untereinander vereinbaren, Frau von der Leyen, Herr Dr. Freiherr zu Guttenberg, Frau Prof. Merkel!
Es drängt sich einmal mehr die Frage auf, was unsere CDU/CSU-Minister bezwecken, wenn sie versuchen, nutzlose geheime Internetsperren zu etablieren, Bürger, die sich dagegen wehren in die Nähe von Kinderpornografen rücken oder als geheime Polizei in Privatcomputer einzudringen. Der Schutz der Kinder scheint dabei keine Rolle zu spielen, den könnte man einfacher, billiger und vor allem wirksam haben. Wenn es um Geld geht, machen es die Banken ja vor, wie schnell man reagieren kann.
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Internetzensur: Trauriger Stand der Dinge
2.6.2009 von Jens Coldewey.
Microsoft hat mit “Bing” eine neue Suchmaschine an den Start gebracht, die vor allem eines eindrucksvoll demonstriert: Auf welchem Weg wir uns derzeit bei der Internetzensur befinden! Machen Sie sich den derzeit auf Twitter kursierenden Spaß, gehen Sie auf http://www.bing.com und geben Sie das Suchwort “Strumpfhose” ein. Wer jetzt die aufregenden Katalogseiten des Ottoversands erwartet, auf denen Babystrumpfhosen angeboten werden, dürfte vom Suchergebnis überrascht sein, denn die Suchmaschine meldet kurz und knackig: “Der Suchbegriff ‘Strumpfhose’ führt möglicherweise zu sexuell eindeutigen Inhalten. Ändern Sie Ihre Suchbegriffe, um Ergebnisse zu erhalten.”
Ein nach moralischer Festigung durchgeführter Selbstversuch bei Google ergibt Avon als ersten Treffer, sowie einen YouTube-Film von frauTV, der sich mit dem “Leid der zwickenden Strumpfhose beschäftigt”. Nun, bevor mein Blog mit solchen Themen zum Erotikzentrum verkommt, fällt mir dazu eine Geschichte aus den USA der 50er-Jahre ein: In der düstersten Jahren der McCarthy-Ära öffnete das FBI die Post von Gynäkologen, um auf diese Weise zu verhindern, dass diese Empfehlungen zur Empfängnisverhütung an ihre Patientinnen schicken konnten. Meines Wissens stand nicht einmal damals die Erwähnung von Strumpfhosen auf dem Index!
Wer also meint, die vom Familienministerium geplanten geheimen Zensurlisten für das Internet beschränkten sich ausschließlich auf illegale Inhalte, kann sich bei Bing ein erstes Bild davon machen, wie so etwas in der Praxis aussieht. Aber wie immer gilt: “Wer nichts zu verbergen hat (und keine Strumpfhosen online kaufen möchte), hat auch nichts zu befürchten.” Ich berichte über weitere, notwendige Ergänzungen dieses Satzes, bis auch dieser Blog wegen “sexuell eindeutiger Inhalte” gesperrt wird — und wenn es nur deshalb ist, weil seine Inhalte sexuell eindeutig irrelevant sind.
PS: Aus der 80er-Jahre CD “Muh” von Haindling stammt die schöne Textzeile “Nur die allerdümmsten Kälber wählen eana Metzger selber”. Ich weiß auch nicht, warum mir das gerade einfällt…
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Umfrage zur Software Engineering Ausbildung
28.5.2009 von Jens Coldewey.
Für meine Keynote “Software Engineering heute” auf dem Karlsruher VKSI Day habe ich gemeinsam mit dem OBJEKTspektrum eine Umfrage zur Ausbildung von Software Ingenieuren gestartet: http://www.sigs.de/survey/index.php?sid=33654&lang=de
Wir möchten sowohl von Praktikern als auch von Universitäten wissen, was sie bei Software Ingenieuren für wichtig halten und wie gut das derzeit abgedeckt wird. Die Ergebnisse gibt es dann am 22.6. in Karlsruhe “live”, im OBJEKTspektrum, vermutlich Ausgabe 5/2009 und hier auf meinem Blog.
Das Ausfüllen dauert knapp 10 Minuten, je mehr Personen daran teilnehmen, um so aussagekräftiger werden die Ergebnisse.
Die Umfrage endet am 3. Juni
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