Einsatz testgetriebener Entwicklung nimmt langsam zu

Nach einer Umfrage von Martinig & Associates ist der Einsatz testgetriebener Entwicklung zwischen 2006 und 2008 von 14% auf 20% der befragten Organisationen gestiegen. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen Seite zeigt es aber, dass wir noch immer bei den „Early Adoptern“ sind. Daran gemessen, dass TDD im Gegensatz zu informellem „Nachtesten“ bei gleichem oder sogar verringertem Aufwand fast die doppelte Testabdeckung erreicht (persönliche Erfahungen sowohl von mir als auch von Johannes Link), dürfte die geringe Nutzung weder an wirtschaftlichen noch an methodischen Gründen liegen. Ich vermute eher, dass viele Entwickler sich zunächst subjektiv langsamer fühlen, wenn sie testgetrieben arbeiten — und nicht das Durchhaltevermögen haben, sich einmal zwei oder drei Monate auf das Verfahren einzulassen, bevor sie aufgeben. Dann würden Sie nämlich feststellen, dass sie deutlich weniger Fehler beheben müssen und damit wesentlich schneller sind, als vorher. Vielleicht nicht bis zu ersten „hingerotzten“ Version, aber sicher bis zum produktionsfähigen Code. Nur wenige Teams schaffen dieen Schritt denn auch aus eigener Kraft ohne Coaching.

Crystal in einem Satz

Alistair Cockburn fasst die Essenz der Crystal Methoden in seinem Blog-Eintrag „Crystal is about Self-Awareness“ sehr schön zusammen:

  • Scrum is about self-organization
  • XP is about self-discipline
  • Crystal is about self-awareness

Vielleicht kommt es daher, dass sich viele Anfänger zunächst auf Rezeptverfahren wie Scrum und XP (Version 1.0) stürzen: Konzepte der Selbst-Erkenntnis sind sperrig und benötigen mehr Erfahrung, als klare Kochrezepte. „Crystal ist für Fortgeschrittene“ sagt Alistair auch deutlich.

Die Rezepte sind ein guter Start. Über kurz oder lang fällt aber eine Entscheidung: Bleibt man auf Rezeptniveau, indem man über Prozesse und Praktiken streitet, dann kann man die Einführung agiler Verfahren irgendwann als gescheitert betrachten. Oder übernimmt das Team irgendwann über Retrospektiven die Kontrolle und beginnt, den Prozess als Arbeitsmittel selbst zu gestalten. Dann ist man im wesentlichen bei Crystal gelandet bzw. hat den Schritt nachvollzogen, den XP beim Übergang auf Version 2.0 gemacht hat.

Wie Unternehmen die Krise überleben

Roland Berger hat in der Studie „Be flexible – How engineered products companies prepare for the downturn“ 500 Maschinen- und Anlagenbauer untersucht, wie sie mit wirtschaftlichem Abschwung umgehen und Krisen überleben. Als zyklische Branche ist gerade die Investitionsgüterindustrie besonders anfällig für konjunkturelle Schwankungen. Das Resümee: Die besten Unternehmen können so flexibel auf die Krise reagieren, dass sie Konjunktureinbrüche sogar als Chance nutzen können, ihre eigene Marktposition zu stärken.

Wie die meisten anderen Sparten steigt der Anteil der IT an der Wertschöpfung auch im Maschinen- und Anlagenbau stetig. Die von Berger postulierte Flexibilität setzt unter anderem auch entsprechende Flexibilität in Forschung und Entwicklung voraus, nicht nur, aber auch bei der IT. Verfahren und Vorgehensmodelle, die zu Laufzeiten von vielen Jahren führen, können da schnell zum Ballast werden.

Agile Verfahren erlauben hier viel größere Flexibilität. Agile Planungstechniken fügen sich elegant und nahtlos in eine szenariobasierte Unternehmensplanung ein, wie sie Berger bei den erfolgreichen Unternehmen beobachtet. Zu Beginn der Rezession könnte noch ausreichend Zeit bleiben, flexibler zu werden.

„Machen Sie Flexibilität zur Sache des Top-Managements“ zählt Roland Berger als einen der fünf strategischen Bausteine auf, um die Krise zu überleben. Diese Forderung dürfte nicht nur für den Maschinenbau gelten.

PS: Mehr über agile Planungstechniken erzähle ich u.a. auf den XPDays 2008 in Hamburg oder auf der OOP 2009 in München