Crystal Methodenfamilie in einer Minute

Ich wurde kürzlich von Peter Stevens auf der Deutschen Scrum Liste gefragt, wo man Crystal in zehn Minuten nachlesen könne. Ich denke, meine Antwort ist auch für Nicht-Scrummer interessant, deshalb hier noch mal in „voller Schönheit“ mit ein paar zusätzlichen Links.

Gibt es irgendwo ein „Crystal in 10 Minuten“? – Ein google dafür hat nichts nützliches produziert…

Starte vielleicht mal mit http://alistair.cockburn.us/Crystal+light+methods, das dürfte ca. 10 Minuten dauern.

> Oder was ist besonders an Crystal?

Der Kern in drei Sätzen:

  1. Arbeite in kurzen Iterationen
  2. Mache regelmäßig Retrospektiven
  3. Kommuniziere eng

Das ist sozusagen erstmal die Essenz agilen Arbeitens.

Basis sind Alistair Cockburns Überlegungen zur Software Entwicklung als kooperativem Spiel, sowie seine „Feldforschungen“ seit den frühen Neunziger Jahren.

Um das zu unterstützen bietet Crystal sehr viele Praktiken, die sich je nach Kontext einsetzen lassen. Allerdings nicht wie Scrum oder XP (1.0) mit dem Hinweis „So muss man es machen“, sondern mit einem „in dieser Situation haben Teams gute Erfahrung gemacht, jenes zu machen mit folgenden Konsequenzen“. Meines Wissens lassen sich sowohl alle Scrum Praktiken als auch alle XP Praktiken mit Crystal abdecken.

Crystal ist damit viel näher an einer Patternsammlung, als an einem Prozess. Deshalb redet Alistair auch von einer „Methodenfamilie“, bei denen die Methoden nach Kritikalität und Teamgröße zusammen gesetzt werden mit dem Ziel, die „Gerade noch ausreichende Methode“ zu finden. „Crystal Clear“ ist zum Beispiel für Teams bis zu 10 Personen in Projekten, bei denen es nicht um Menschenleben geht. Er deklariert Crystal auch ganz klar als Hilfe für Fortgeschrittene und nicht als Anfängermethode (siehe dazu auch http://alistair.cockburn.us/Shu+Ha+Ri). Sein Ziel ist also nicht unbedingt Minimalismus in der Beschreibung, wie es von Scrum und XP verfolgt wird, sondern Minimalismus im Einsatz.

Crystal bildet damit die Brücke zwischen den agilen „Meta-Methoden“ wie ASD (Jim Highsmith) und Lean Software Development (Mary und Tom Poppendieck) und den eher prozessartig gestalteten Verfahren wie XP und Scrum. Es ist ein Baukasten aus Praktiken mit Regeln, wie sie zusammen gesetzt werden.

Neben Alistair Cockburns Webseite gibt es zwei Bücher von ihm zu dem Thema:

Das Zertifizierungsverfahren ist noch lange nicht so ausgefeilt, wie bei Scrum, es gibt aber immerhin eine handvoll „Certified Crystal Practitioners“, die zu der Ehre gekommen sind, weil Alistair ihre Arbeit gesehen und für gut befunden hat.

6 Gedanken zu „Crystal Methodenfamilie in einer Minute

  1. Nice summary, Jens – I always like your summaries.

    I particularly like the observation: „Crystal ist damit viel näher an einer Patternsammlung, als an einem Prozess“. Few people other than pattern junkies would notice that. (Most people don’t know – I tried describing CC as patterns in the first draft of the book, but had over 13 patterns, which is too many, so I split them into „properties“ and „strategies“ in the book. The alert reader will spot them all as patterns.

    Alistair

  2. Hi Jens,

    Thanks for the overview!

    Personally I have just discovered patterns through Linda Rising’s work on Fearless Change. Shu-Ha-Ri is an interesting pattern. As someone (who likes to consider himself) at the Ha level of Scrum, I am starting to appreciate what a framework can do for you and what it can’t.

    A book can help you get from mediocre to good. Getting beyond good to great requires more than any single teaching can give you. It needs people who are willing to learn (something Alistair pointed out to me in the course on a scrumdevelopment discussion about use cases) and go beyond the borders of their own dogma.

    Thanks again for this summary – it had made me much more curious Crystal and its approach to project management.

    Cheers,

    Peter

  3. Peter,

    danke, ich glaube, Deine Beobachtungen über Bücher sind nur zu wahr! In einem Punkt war ich etwas schlampig: Patterns hatte ich (und auch Alistair) hier engen Sinne der Patterns von Christopher Alexander gemeint (siehe http://www.hillside.net). Die Arbeit von Linda Rising und Mary Lynn Manns ist ein wunderbares Beispiel dafür. Wenig bekannt ist auch, dass XP tiefe Wurzeln in der Patternwelt hat, deren Wertesystem große Ähnlichkeit mit dem agilen Wertesystem hat.

    Viele Grüße

    Jens

  4. Hallo,

    vielen Dank für die super Zusammenfassung.

    Mir ist nur eines aufgefallen:

    „Meines Wissens lassen sich sowohl alle Scrum Praktiken als auch alle XP Praktiken mit Crystal abdecken.“

    Ich frage mich, ob es generell nicht einfacher wäre, wenn man anstatt XP oder Scrum immer Crystal verwenden würde. Crystal scheint sich, bei richtiger Anpassung der Verfahren und Praktiken, sowohl in XP als auch Scrum verwandeln zu können.Oder habe ich da etwas missverstanden?
    Ich stelle mir gerade diese Situation vor, wenn man vor der Entscheidung steht: Chrystal oder XP? Dann kann ich mit Chrystal nichts falsch machen (vorausgesetzt ich habe ein erfahrenes Team)…?

    Schöne Grüße
    Kingyi

  5. Hallo Kingyi,

    ich sehe XP, Scrum und Crystal im wesentlichen als Markennamen, hinter denen das gleiche Ziel steckt: Software besser zu entwickeln. Jede dieser Marken hat ihre Stärken und Schwächen. Zu den Stärken von Crystal zählt, dass es ein sehr breites Spektrum agilen Arbeitens abbildet und dabei so flexibel ist, dass es bei Bedarf XP und/oder Scrum gleich noch mit abdeckt. Zu den Schwächen zählt, dass es so flexibel ist, dass es sehr viel schwerer zu vermarkten und zu schulen ist, als gerade Scrum. Anders fromuliert: Das Schiff und seine Mission heißt „Agilität“. Welche Fahne man hisst, sollte man davon abhängig machen, in wessen Gewässern man mit welchem Zwischenziel unterwegs ist.

    Viele Grüße

    Jens

  6. Hallo Jens,

    vielen dank für Deine Antwort.
    Das bringt mich auf jeden Fall voran, da ich gerade in meiner Thesisarbeit Crystal und XP vergleiche.

    Schöne Grüße
    Kingyi

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