Jazz ist nun doch frei verfügbar

[Hinweis: Ich habe diesen Eintrag nach einer Richtigstellung von Marko Schulz (s.u.) überarbeitet – 18.1.08]

Nun also doch: IBM hat am 14. Januar bekannt gegeben, dass Jazz ab sofort frei verfügbar ist. Damit steht das neueste „Baby“ der beiden Eclipse-Väter Erich Gamma und Andre Weinand wie auch schon Eclipse zumindest zur Evaluierung kostenlos zur Verfügung: Man muss IBM noch mit der Preisgabe seiner E-Mail Adresse bezahlen (http://www.jazz.net).

Selbst habe ich noch mit Jazz gespielt, geschweige denn es im Projekt eingesetzt. Dieser Bericht hier ist daher nur eine Zusammenfassung der White Papers und einer Vorführung auf der OOPSLA.

Was ist Jazz? Ähnlich wie Eclipse ist Jazz vor allem eine Plattform, also ein System, das zur Erweiterung mit Plug-Ins einlädt. Während Eclipse aber für den Arbeitsplatz eines einzelnen Entwicklers konzipiert ist, soll Jazz das ganze Team unterstützen. Es fordert damit also Micorsofts Team Foundation Server heraus.

Jazz besteht aus zwei Kernelementen und einer Reihe von Erweiterungen. Die Kernelemente sind:

  • Repository, eine Datenbank, in der alle Informationen des Projekts abgelegt werden können. Dazu zählen Aufgaben und Fehlermeldungen ebenso, wie Code. Bei Bedarf können die Daten versioniert oder revisionssicher historisiert werden
  • Prozessmodell, das den vom Team gewählten Prozess unterstützt. So kann dort z.B. festgelegt werden, welche Aktionen bestimmten Ereignissen folgen sollen: Auf das Einchecken neuen Codes kann zum Beispiel ein Build mit Tests gestartet werden, bei erfolgreichen Akzeptanztests können Emails an jene geschickt werden, deren Fehlermeldungen in diesem Build erstmals behoben wurden. All das ist frei modellierbar, das System sollte also von agilen Verfahren bis hin zum V-Modell oder RUP alle Varianten abbilden können

Neben diesen Basismodulen sind jetzt schon einige Erweiterungen verfügbar:

  • Aufgabenverwaltung, mit der Arbeitsaufträge, Fehlermeldungen und andere Aufgaben verwaltet werden können
  • Versionsverwaltung, um den Code zu verwalten (Source Code Management SCM). Neben dem Jazz SCM können wohl auch gängige Werkzeuge wie Subversion angekoppelt werden. Falls nicht, dürften die entsprechenden Plug-Ins nicht lange auf sich warten lassen
  • Buildsystem, um automatisierte Builds bis hin zu Continuous Integration nahtlos einzubinden
  • Anforderungsverwaltung zur Priorisierung und Verwaltung von Ideen und Anforderungen und zum Fehlermanagement
  • Reportkomponente zur Definition beliebiger Auswertungen aus dem Repository
  • Agiles Planungssystem zur Priorisierung und Schätzung von Aufgaben und Aufteilung in Iterationen

Hinzu kommen noch Teamkomponenten, wie Instant Messaging.

Alle Komponenten bestehen jeweils aus Server-Plug-In, Client-Plug-In für Eclipse und Web-Server-Plug-In für eine HTML-Oberfläche. Auf Serverseite verlangt Jazz Apache Tomcat oder IBM Web-Sphere , ist also recht genügsam und für alle gängigen Serverplattformen verwendbar. Als Datenbank wird Apache Derby oder DB/2 unterstützt.

Client-Plug-Ins für andere Entwicklungsumgebungen als Eclipse sind denkbar, zum Beispiel MS Visual Studio. Hier muss man abwarten, was die Jazz Gemeinde hervorbringt. Zumindest die Anbindung an Eclipse macht in den Vorführungen einen sehr guten Eindruck. Hier scheint sich eine der Regeln aus der Eclipse-Entwicklung zu bewähren: „Eat you own dogfood“, die Entwickler müssen ihre eigene Software zugleich auch als Pilotanwender nutzen.

Es bleibt abzuwarten, ob Jazz tatsächlich in der Lage ist, die Rolle bei Werkzeugen zur Teamunterstützung einzunehmen, die Eclipse bei Entwicklungsumgebungen hat. Das Duo Erich Gamma/Andre Weinand verspricht zumindest eine leistungsfähige und hoch-flexible Architektur, die offen ist für Erweiterungen und Veränderungen. Das ist ein möglicherweise entscheidender Vorteil gegenüber dem Team Foundation Server, der sich konzernfremden Erweiterungen gegenüber nicht immer freundlich verhält. Bewähren muss sich Jazz aber auch bei technischer Robustheit und Performance – Eclipse hat bekanntermaßen ein bis zwei Hauptreleases gebraucht, bis es vollständig einsetzbar war. Natürlich besteht die Hoffnung, dass Jazz wie Eclipse in einer sinnvollen und gut nutzbaren Fassung wie Eclipse auch für den kommerziellen Einsatz vollständig freigegeben wird. Und zu guter Letzt bleibt abzuwarten, ob bei Jazz der Balanceakt zwischen Flexibilität und Einarbeitungshürde gelungen ist.

Sobald ich erste Erfahrungen habe, werde ich sie hier posten. Wenn Sie Jazz bereits praktisch eingesetzt haben, bin ich für Kommentare dankbar.

PS: (Fast) alle Produkt- und Firmennamen sind registrierte Warenzeichen der jeweiligen Eigentümer. Nur falls Sie von Abmahnungen leben, oder sich das gefragt haben.

4 Gedanken zu „Jazz ist nun doch frei verfügbar

  1. Nein, Jazz ist (noch?) kein Open Source. Oder übesehe ich etwas?

    IBM öffnet den Zugang zu Jazz allmählich und das ist sehr schön, aber eine freie Lizenz gibt es dafür bisher nicht. Und so weit ich mich erinnere, wurde auf Vorträgen auch stets schwammig von einem „open commercial model“ gesprochen.

    Es hört sich auch so an, als ob sie Jazz noch weiter öffnen wollen: „make certain elements of the Jazz technology platform available in open source, particularly those parts … that are key to integration, communications and information exchange“. Genauere Details, vor allem ein Zeitplan hierfür habe ich noch nicht gesehen.

    Spannend bleibt Jazz jedoch und nachdem die Vorträge irgendwann kaum mehr neues boten, bin ich jetzt neugierig darauf, wie sich Jazz aus erster Hand anfühlt.

  2. Folgende Meldungen auf http://www.jazz.net:

    Jazz.net is now open to everyone!
    Everyone is now welcome to join Jazz.net. A special thank-you to all our Rational customers and partners, the university researchers and students, and everyone else who was part of the Jazz.net early pilot program.

    Team Concert Beta 2 Is Here!
    The Jazz Team is happy to announce that Rational Team Concert 1.0 Beta 2 is now available for download by registered Jazz.net users. Rational Team Concert is the first product based on the Jazz Technology Platform. You can learn more about Jazz by watching the demo videos from our live events.

    Wer sich registriert, kann auf dieser Seite die Software herunterladen, allerdings Version 1.0 Beta 2.

    Internetnews.com berichtet unter der Überschrift „All that Jazz From IBM“ am 14.1.2008:

    IBM today formally unveiled its Jazz open development community and its first tools, the culmination of an effort designed to accommodate new collaboration technologies in the development process.

    The site now is open to all developers as the open, transparent environment for building Eclipse-based projects…

  3. Es ist mitunter nicht ganz einfach mit „offen“ und „frei“, da diese Wörter mehrere Bedeutungen haben. Und der Begriff „Open Source“ wurde extra geschaffen, weil einige Leute zu viele Verwechslungen bei „Freier Software“ sahen und deswegen einen neuen, klar umrissenen Namen prägen wollten: Open Source.

    Verkürzt bedeutet Open Source, dass man Quelltext und eine Lizenz erhält, wobei einem letztere weder in der Verwendung des Programmes einschränkt, noch darin den Quelltext zu verändern und weiterzugeben.

    Die derzeitige Early-Release-Jazz-Lizenz (benötigt Jazz.net-Login), erfüllt diese Kriterien nicht. Jazz darf mit dieser Lizenz bisher nur zu internen Evalutaions-, Demonstrations und Forschungszwecken eingesetzt werden. Auch der Quelltex darf nur für diese Zwecke bearbeitet werden. Weitergeben darf man gar nichts. Die Lizenz ist auch zeitlich begrenzt, maximal 9 Monate nach dem Download oder 90 Tage nachdem IBM das Produkt kommerziell herausgibt muss man es löschen (es kann sich wohl auch selber abschalten).

    Was ich noch nicht nachgesehen habe, ist was beim Download überhaupt mitkommt. Ist das der komplette Quelltext? In den Berichten las es sich so, als ob das zunächst auch nur ein Teil des Quelltextes wäre.

    Deswegen meine ich: „open“ bedeutet hier nicht Open Source. Keine Frage, Jazz öffnet sich und es gibt auch Ankündigungen, dass dieser Prozess noch weiter geht. Wie weit es aber gehen wird, ist unklar. IBM hat nie versprochen, dass sie die gesamte Plattform als Open Source zur Verfügung stellen und zumindest derzeit besitzt IBM auch noch ausreichend Möglichkeiten, um Jazz wieder komplett zu schließen.

    „Open“ bedeutet hier stattdessen, dass es überhaupt einen allgemeinen Zugang zu Jazz gibt. Was ja auch schön ist.

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