Use Cases oder User Stories?

In Alistair Cockburns Wiki erzählt ein Teilnehmer namens „Remick“ unter dem Titel „Why I still use use cases„, wie er ein Problem recht erfolgreich mit Use Cases analysieren konnte, bis ein „Agile Coach“ kam und das Team auf User Stories zwang – was letztlich zum Scheitern des Projekts führte, wenn man „Remick“ folgt.

Ich halte das für einen der häufigsten Fehler wenig- oder unerfahrener „Agiler Coaches“: Sie glauben, es müsse immer alles genau so ablaufen, wie in ihrem jeweiligen Lieblingsbuch beschrieben. Ich erinnere mich an eine Diskussion, ob man bei XP nur Karteikarten im amerikanischen Format verwenden könne, oder auch DIN A5 Karten verwendet werden dürfen…

Nach zehn Jahren Erfahrung mit der Einführung agiler Entwicklung sehe ich da manches entspannter: Ob jemand Use Cases oder User Stories verwendet, ist nicht projektentscheidend, solange man darauf achtet, sich nicht zu verkünsteln (Alistair hat fast eine halbe Stunde gebraucht, um mir überhaupt den Unterschied zu erklären…). Und die Entscheidung, was man ändern sollte und was man getrost übernehmen kann, und in welcher Reihenfolge, ist eben von Organisation zu Organisation unterschiedlich. Das braucht Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Allerdings bekommt man diese Erfahrung nicht in einem 2-tägigen Kurs, auch wenn man anschließend ein Zertifikat in der Hand hält.

5 Gedanken zu „Use Cases oder User Stories?

  1. Hallo Jens,

    sehe ich auch so. Ich war früher einer dieser agilen Autodidakten (vor 2003 :-). Use Cases haben den Vorteil, dass diese bei richtiger Anwendung zu einem exakten Nachdenken über Rollen, Zuständigkeiten, Vor- und Nachbedingungen zwingen. Auch beim XP waren die handgeschriebenen Karten nur eine Seite der Medallie. Genauso wichtig waren die exakt formulierten Akzeptanztests. Der Gedanke, Anforderungen testgetrieben zu entwickeln hat was. Das wurde aber bei den meisten gerne weggelassen.

    mfg,
    André

  2. Hallo André,

    danke, Du sprichst einen wichtigen Punktan: Natürlich darf man bei der Diskussion Akzeptanztests nicht außen vor lassen. Als ich den Beitrag schrieb, hatte ich den Fokus mehr auf die „Beratungsleistung“ des mir unbekannten Kollegen gelegt. Mittlerweile habe ich einen Eintrag über die methodische Seite nachgeliefert.

    Jens

  3. Hallo Jens,

    muss man es einem unerfahrenen Agil-Coach nicht auch ein wenig nachsehen, wenn er im Sinne von Shu-Ha-Ri damit beginnt, den Buchstaben des Buches zu folgen? Natürlich wäre es gut, wenn der Agil-Coach mehr Erfahrung hätte, aber damit wird man nicht geboren, man entwickelt sie eben erst während der Arbeit. Und halten wir nicht auch gerade das Lernen und Bilden von Erfahrung für ein wertvolles Gut?

    Gruß aus dem Norden, marko

  4. Hallo Marko,

    natürlich muss jeder einmal anfangen und das Coachen will gelernt sein. Die Frage ist aber, auf wessen Kosten man das tut. Ich denke ein Coach muss zunächst einmal selbst Erfahrungen in agilen Projekten sammeln als Entwickler, Tester, Projektleiter aber auf jeden Fall unter Begleitung erfahrener Coaches. Er oder Sie muss ein paar Varianten gesehen haben und die Prinzipien verstanden haben, die hinter Agilität stecken. Dann kann sie oder er seine Coaching-Leistung auch zu Markte tragen.

    Das bedeutet nicht, dass man ausgelernt hätte. Ich habe das letzte Jahr gemeinsam mit Johannes Link gearbeitet und sehr viel von ihm gelernt. Und jeder Austausch mit anderen Coaches bringt mich ein Stück weiter (ich hoffe, die Kollegen gelegentlich auch).

    Für jemanden, der gerne Coach werden will, ist das sicher auch ein interessanter Weg: Lerne erstmal von jemandem mit deutlich mehr Erfahrung. Auch Chirurgen assistieren erst ein paar Jahre, bevor sie selbst das Skalpell anlegen.

    Viele Grüße

    Jens

  5. Ja, es wäre gut, wenn wir ausreichend Coaches hätten, die alle zunächst einige Jahre Erfahrungen unter Begleitung eines versierten Coaches gesammelt hätten. Vielleicht habe ich zu viel mit den falschen Leuten zu tun, aber mein Eindruck von unserer Branche sieht nicht so aus. Es gibt noch immer viel zu wenige, die aus einem so großen Erfahrungsschatz schöpfen können, wie Johannes [Link], Jutta [Eckstein], Frank [Westphal] oder Du. Und entsprechend stecken wir noch immer sehr in den Kinderschuhen, wenn es darum geht, unsere Arbeitswelt mit agilen Denkweisen durchdrungen zu haben.

    Und dennoch hast Du natürlich Recht. Insbesondere ist es ein großes Ärgernis, wenn ein externen Berater kommt und dieser als erfahrener Coach verkauft wird, er in der Realität sich aber nur ein paar Buchweisheiten angeeignet hat und von einer agilen Mentalität kilometerweit entfernt ist.

    [Anmerkung: Ich habe die Nachnamen nach Absprache mit Marko Schulz ergänzt – JC]

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